"Nizhonis" - Friedvolle Krieger für die Weltgemeinschaft


Ich war 22, hatte mein Abitur in der Tasche und den Zivildienst hinter mich gebracht und hegte die Absicht, zu studieren. Doch als ich die hiesige Hochschullandschaft nach einem geeigneten Studienfach sondierte, wurde mir schnell klar, dass ich meine weltumspannenden Interessen darin nicht wiederfinden würde.
Orientierungslosigkeit machte sich breit, während die Wünsche in mir immer lauter wurden: Ich wollte mich in Abenteuer stürzen und mich dabei selbst erfahren. Ich wollte die Welt erforschen und mich dabei selbst finden. Überhaupt musste ich Klarheit darüber bekommen, was ich mit meinem Leben auf der Erde anfangen sollte...
Das war ein unbefriedigtes, spirituelles Grundbedürfnis, das mich da weit über den heimischen Tellerrand hinausblicken ließ. Und eines Tages packte ich all mein Zeug, ließ die alte Welt hinter mir und fand mich mitten in der Hochwüste des US-Bundesstaates New Mexico, 30 Autominuten südlich von Santa Fe, wieder – als Student an der „Nizhoni-Schule für Globales Bewusstsein“. Dort, am Rand des Kraters eines einstigen Vulkans (heute ‚Galisteo Becken’ genannt), wo zu früheren Zeiten Indianerstämme zelebrierten und ihre Zeichnungen im alten Lava-Gestein hinterließen, gründete Chris Griscom im Jahr 1989 auf einem 51 ha großen Gelände jene internationale, ganzheitlich orientierte Privatschule, die nun ein Jahr lang zu meiner Lebensschmiede werden sollte.

Erkennen der eigenen Rolle im Weltgefüge

Chris Griscom ist eine großartige Visionärin. Sie sieht in ihrer Schule einen Ort, an dem junge Menschen zu verantwortungs- und handlungsfähigen Weltbürgern ausgebildet werden.
„Nizhoni”, der Name der Schule, stammt aus der Sprache der Navajo-Indianer und bedeutet „Weg der Schönheit”. Für mich bezeichnet er zweierlei: eine Art zu lernen und eine Art zu leben. Den Nizhoni-Weg zu begehen, heißt, sich auf Entdeckungsreise zu sich selbst zu begeben, um die eigene Schönheit und Weisheit aufzuspüren.
„Die Menschheit steckt in einer Krise, weil sie nicht mehr lernt, sich selbst zu entdecken. Wissen über das Selbst ist aber letztlich das einzige Wissen, das Wert besitzt. Solange wir nicht wissen, wer wir sind, können wir nicht unser wahres Potenzial aktivieren...“ sagt Chris Griscom. Sie sieht ihre Aufgabe darin, ihre Schüler anzuleiten, ihre eigenen Lehrer zu werden – so eigenartig das vielleicht klingen mag. Ihr geht es darum, dass junge Menschen lernen, sich ihrer eigenen Wahrheit bewusst zu werden, die Antworten auf die Fragen dieser Welt in sich selbst zu finden und mit dieser gefestigten Selbst-Wahrnehmung ihren Platz in der Welt einzunehmen.
Daraus ergibt sich für die Unterrichtspraxis ein gleichwertiges Lehrer-Schüler-Verhältnis. Das bedeutet, dass ein Lehrer zwar anleitet und den Rahmen vorgibt, aber gleichzeitig seine Schüler als vollwertige Wesen anerkennt und bereit ist, auch von ihnen etwas zu lernen.

Das Jahresprogramm, an dem ich teilnahm, lief damals unter dem Namen „Friedensstudien und globales Handeln“ (heute heißt es allgemein „Die Nizhoni-Erfahrung“). Entsprechend sah mein Stundenplan mehrere Fächer vor, die das Thema Frieden unter verschiedenen Aspekten beleuchteten: geographisch-geschichtlich, philosophisch und psychologisch. Der Schwerpunkt lag dabei nicht so sehr auf äußeren Konflikten und Methoden der Intervention oder Mediation zu ihrer Bewältigung. Vielmehr kam der kausalen Verbindung zwischen innerem und äußerem Frieden eine besondere Rolle zu: Weltfrieden stellt sich dann ein, wenn der Mensch den Frieden in sich selbst gefunden hat. Das Leitmotiv des Unterrichts war somit die Frage: Wie gelange ich zu innerem Frieden und wie trage ich ihn nach außen? Niemals galt es, andere zur Verantwortung zu ziehen, sondern stets sich selbst als Teil der Lösung zu betrachten. – Genau das machte das Wesentliche an dieser Schule aus: nicht die Ohnmacht, sondern die Kraft des Individuums zu erfahren, einen Unterschied in der Welt zu machen und schöpferisch die eigene Realität zu gestalten.

Chris Griscom ist gleichermaßen eine bemerkenswerte Lehrerin. Sie vermag in ihrem Unterricht stets diesen Funken der Lebenslust überspringen zu lassen, diese Begeisterung für das Leben, das man führt (ganz gleich, welchen Verlauf es genommen hat), und für die Aufgaben und Herausforderungen, die es mit sich bringt (ganz gleich, wie schwierig sie sein mögen).
Gleichzeitig besitzt sie aber auch das Fingerspitzengefühl, stets die richtigen ‚Knöpfe’ zu drücken, die bis an die persönlichen Grenzen heran führen. – Immer wieder fühlte ich mich gedrängt, meine eigene, innere Quelle aufzusuchen und Kräfte zu mobilisieren, mit denen ich meine Grenzen überwinden konnte! Dafür bin ich heute sehr dankbar, erlebte ich in meinem Leben doch immer wieder die Wichtigkeit, nach meiner eigenen Wahrheit zu fragen, um mich nicht vom Mainstream mitreißen oder beirren zu lassen...

Holistisches Bewusstsein

Grundlegend für die Nizhoni-Schule ist die Betrachtung des Menschen als ein mehrdimensionales Wesen, das einen physischen, emotionalen, mentalen und spirituellen Anteil in sich trägt. Für den Unterricht bedeutet das, dass er sich auf all diesen vier Ebenen abspielt.
Zu körperlich orientierten Fächern wie Yoga, Kunst und Drama gesellten sich geistig orientierte wie Spanisch, vergleichende Religionswissenschaften und Astrologie (die mir als anfänglichen Skeptiker zu einem ausgezeichneten Werkzeug zur Selbsterkenntnis wurde).
Im wesentlichen Kontrast zu traditionellen Schulen steht hier der emotionale Aspekt. Fragen wie Was bedeutet das Thema für dich? Was macht diese Aussage mit dir? Was ist das Pendant in dir zu jenem Ereignis? stellten im Unterricht stets einen persönlichen, emotionalen Bezug zum Themenobjekt her und ließen das Ferne, Fremde und Ungreifbare zu etwas Eigenem werden.
Reiner „Unterricht an sich selbst“ fand schließlich im Fach „Spiritualität“ statt: Was macht dich wütend? Welche Abwehrstrategien hast du? Was ist deine größte Angst? Was ist dein größtes Geheimnis? Fragen wie diese boten jedem Einzelnen an, etwas Verborgenes von sich mitzuteilen, etwas bislang Unausgesprochenes in den geschützten Raum der Gruppe hineinzugeben. Die Erfahrung, dabei nicht das Gesicht zu verlieren, sondern im Gegenteil Anerkennung dafür zu ernten, empfand ich als sehr heilsam, und die eigenen Unsicherheiten und Ängste gleichzeitig in den anderen wiederzuerkennen, ließ eine prickelnde Atmosphäre intimer Verbundenheit entstehen.
In sich hineinzuspüren und das Gefühlte in Wort oder Tat auszudrücken, wird als ein Schlüssel zur Spiritualität angesehen. Hemmende Gefühle der Angst, der Wut oder der Ohnmacht gilt es dabei loszulassen und aufzulösen (wozu auch begleitende, therapeutische Sitzungen angeboten werden), um schließlich das zu erleichtern, was Spiritualität bedeutet: sich selbst in allem zu erfahren und aus der Quelle der Verbundenheit zu schöpfen.

Ganz besondere Highlights am Ende eines jeden Quartals waren die Reisen. Ihr Zweck bestand darin, das Gelernte in die Praxis umzusetzen, aus dem ‚Inseldasein’ in die Welt hinauszutreten, das ‚globale Bewusstsein’ zu erweitern und es im Rahmen von öffentlichen, selbst organisierten Veranstaltungen weiterzugeben.
Unsere Touren führten uns nicht nur quer durch die Südstaaten der USA, sondern sogar bis nach Mexiko und Brasilien. – Meine entdeckungsfreudige Seele kam mehr als auf ihre Kosten; denn nun stieß uns das Leben zwischen den Extremen pendelnd unentwegt an unsere Grenzen: Vom Indianer-Reservat im Monument Valley zum Atommüll-Endlager in Carlsbad, vom Armenviertel in Săo Paulo zur High Society in Rio de Janeiro, vom Yacuzzi in Arizona zur Diarrhoe in Mexiko, vom lebensbedrohenden Schneesturm in den Bergen von Colorado zu den traumhaften Wasserfällen von Iguaçu...

Beharrlich neue Herausforderungen zu begrüßen, ist die Eigenschaft, die mir in jenem Jahr am meisten abgefordert wurde. Und je mehr ich sie kultivierte, desto erstaunlicher vollzog sich meine innere Wandlung.
Allein die Eingangssituation, mit einer Gruppe junger Menschen aus aller Welt – USA, Kanada, Brasilien, Deutschland, Österreich, Dänemark – ein Jahr lang zusammenzuleben, war schon Herausforderung genug. Gewohnt, mich als Einzelgänger zu betrachten, mein „eigenes Süppchen zu kochen“ und mich von der unverständigen Welt abzunabeln, war ich nicht darauf aus, meine Probleme mit irgend jemandem zu teilen. – Aber offenbar erging es den anderen ähnlich. Die Gruppe schien eine reine Ansammlung von Individualisten zu sein und wollte anfänglich gar nicht zusammenfinden. Und doch waren sie alle auf der Suche nach „mehr“ – mehr Selbstbewusstsein, mehr Erfahrung, mehr Orientierung im Leben und mehr Kontakt zu Gleichgesinnten! So taten sich mit der Zeit zunehmend Räume im Miteinander auf, in denen Begegnungen stattfanden, die die Gruppe fest zusammenschweißten und sogar das totgesagte, verängstigte Gruppenwesen in mir zu neuem Leben verhalfen. – Noch heute, viele Jahre nachdem die „Nizhoni“-Gemeinschaft von damals auseinander gegangen ist, kann ich ihre Kraft spüren.

Fazit

Nizhoni ist kein Ort der Ruhe und Zurückgezogenheit. An einem Ort, an dem Gefühle nicht unterdrückt werden, sondern zugelassen sind, treten auch viele emotionale Zusammenstöße auf. Die Herausforderung besteht darin, mit ihnen von einem höheren Bewusstseinslevel aus umzugehen. Nizhoni ist ein Ort der Auseinandersetzung mit der Beziehung zu sich selbst, zu den Menschen und zur Welt. Es ist ein Ort, an dem ein Ideal schnell von der Wirklichkeit abdriftet und immer wieder verlangt, aktiv an seiner Umsetzung zu arbeiten. Es ist ein Ort, der die eigene Wandlung provoziert. Und es ist zweifelsfrei ein Ort, der zur Selbstfindung führt.

Ich möchte dazu ermutigen, sich in der Welt als Teil der Lösung und nicht als Teil des Problems zu erfahren. Die Haltung, sich selbst als Schadenbringer zu betrachten und sich darum so klein und unschädlich wie möglich zu machen, soll der Vergangenheit angehören. Viele alternative Modelle von Lebensgemeinschaften und ganzheitsökologische Bestrebungen arbeiten bereits an lösungsorientierten Modellen für ein liebevolleres Leben auf und mit unserem Heimatplaneten. Aber wird es nicht höchste Zeit, dass auch das Schulsystem davon erfasst wird? Frust, Desorientierung, Visionslosigkeit und Ersatzbefriedigung sind die aktuellen Resultate eingefahrener Ausbildungsmühlen. Was können wir unseren Kindern Größeres mitgeben als ihrem Leben wieder Bedeutung zu verleihen, als die Erkenntnis, dass sie selbst das größte Geschenk sind, das sie der Welt machen können?

Weblinks

http://lightinstitute.com
Wikipedia über Chris Griscom